Selbstwertgefühl stärken – warum positives Denken oft nicht ausreicht

Wer sein Selbstwertgefühl stärken möchte, findet im Internet unzählige Ratgeber. Die Empfehlungen ähneln sich fast immer: Schreibe eine Liste deiner Stärken, führe ein Erfolgstagebuch, rede freundlich mit dir selbst oder stelle dich vor den Spiegel und sage dir, dass du gut genug bist. Solche Übungen sind nicht grundsätzlich falsch. Sie können helfen, den Blick auf sich selbst etwas wohlwollender werden zu lassen. Trotzdem weiss ich aus eigener Erfahrung, dass sich im entscheidenden Moment kaum etwas verändert.

Viele Menschen in meiner Praxis wissen eigentlich, dass sie kompetent sind. Sie kennen ihre Stärken und können sogar rational akzeptieren, dass sie genauso viel wert sind wie andere Menschen. Und dennoch schweigen sie in in einer Gruppe, obwohl sie eine gute Idee hätten. Sie stimmen einer Bitte zu, obwohl sie lieber ablehnen würden. Oder sie ärgern sich nach einem Gespräch darüber, dass sie sich zurückgenommen haben um Harmonie zu bewahren.

Genau an diesem Punkt beginnt für mich die eigentliche Frage: Wenn das Wissen über den eigenen Wert vorhanden ist – warum verhält sich ein Mensch dann immer wieder so, als wäre er weniger wert?

Selbstwert und Beziehung

Aus meiner Sicht liegt die Antwort darin, dass Selbstwert viel weniger mit dem zu tun hat, was wir über uns denken, als mit dem, was in Beziehungen geschieht. Ein stabiles Selbstwertgefühl zeigt sich nicht dann, wenn wir allein zu Hause sind und über uns nachdenken. Es zeigt sich im Kontakt mit anderen Menschen. Dort wird sichtbar, ob wir unsere Bedürfnisse ernst nehmen, unsere Meinung vertreten, Grenzen setzen oder uns trauen, Raum einzunehmen. Deshalb glaube ich, dass viele Ratgeber am eigentlichen Problem vorbeigehen. Sie versuchen, Gedanken zu verändern, obwohl sich die Schwierigkeiten in Beziehungen zeigen.

Wenn jemand beispielsweise immer Ja sagt, obwohl er Nein meint, fehlt ihm meist nicht das Wissen darüber, dass Grenzen wichtig sind. Die meisten Menschen wissen sehr genau, dass sie ihre Bedürfnisse ernst nehmen dürften. Trotzdem schaffen sie es in der konkreten Situation nicht. Dasselbe gilt für Menschen, die sich in Gruppen kaum zu Wort melden. Sie wissen häufig, dass ihre Meinung genauso viel zählt wie die der anderen. Dennoch bleiben sie still. Würde das Problem tatsächlich nur in den Gedanken liegen, müssten positive Selbstgespräche diese Schwierigkeiten längst gelöst haben.

Was hindert uns also daran, anders zu handeln?

Scham und Schuld

In meiner Erfahrung sind es häufig nicht mangelndes Selbstvertrauen oder fehlender Mut. Viel häufiger begegnen mir Scham und Schuld. Wer gelernt hat, sich anzupassen, erlebt das Setzen einer Grenze oft nicht als neutrale Handlung. Ein Nein fühlt sich plötzlich egoistisch an. Die eigene Meinung auszusprechen löst Angst aus, andere könnten einen ablehnen. Wer im Mittelpunkt steht, spürt Scham. Wer jemanden enttäuscht, fühlt sich schuldig. Diese Gefühle entstehen meist automatisch und lange bevor der Verstand eingreifen kann.

Deshalb reicht es oft nicht aus, sich innerlich zu sagen: „Ich darf Nein sagen.“ In dem Moment, in dem wir tatsächlich Nein sagen wollen, reagiert häufig bereits unser Körper. Der Bauch spannt sich an, der Atem wird flacher, der Hals fühlt sich eng an oder das Herz schlägt schneller. Unser Nervensystem signalisiert Gefahr, obwohl objektiv vielleicht gar keine besteht. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist vielmehr Ausdruck früher gelernter Beziehungserfahrungen. Wenn wir als Kinder die Erfahrung gemacht haben, dass Anpassung Sicherheit bringt oder Konflikte mit Ablehnung verbunden sind, speichert unser Nervensystem genau diese Zusammenhänge. Viele Jahre später reagieren wir noch immer so, als hinge unsere Zugehörigkeit davon ab, niemanden zu enttäuschen.

Alarm im Körper

An diesem Punkt wird verständlich, warum ich Selbstwert nicht in erster Linie als Denkproblem betrachte. Das eigentliche Problem ist häufig, dass unser Körper in zwischenmenschlichen Situationen Alarm schlägt. Solange dieser Alarm aktiv ist, nützen die besten Argumente oft wenig. Der Kopf sagt: „Du darfst deine Grenze setzen.“ Der Körper sagt: „Pass auf, das könnte gefährlich werden.“ In den meisten Fällen gewinnt nicht der Kopf, sondern der Körper.

Deshalb beginnt aus meiner Sicht der Weg zu einem stabileren Selbstwert mit einer anderen Frage. Nicht: „Wie kann ich positiver über mich denken?“, sondern: „Wie gut nehme ich mich überhaupt wahr?“ Viele Menschen haben über Jahre gelernt, die Signale ihres Körpers zu ignorieren. Sie merken zwar, dass sich etwas unangenehm anfühlt, handeln aber trotzdem dagegen. Sie spüren den Druck im Bauch, sagen trotzdem Ja. Sie bemerken den Kloß im Hals und sprechen trotzdem nicht aus, was sie eigentlich denken. Mit der Zeit verlieren sie immer mehr den Kontakt zu ihrer eigenen Wahrnehmung. Irgendwann wissen sie gar nicht mehr genau, was sie selbst möchten, weil sie sich daran gewöhnt haben, sich zuerst an anderen zu orientieren.

Ein gutes Körpergefühl bedeutet deshalb weit mehr, als den eigenen Körper entspannen zu können. Es bedeutet, die feinen Signale wahrzunehmen, die uns zeigen, was gerade in uns geschieht. Wo zieht sich etwas zusammen? Wann halte ich unbewusst den Atem an? Wann entsteht Druck im Brustkorb oder Enge im Hals? Diese Empfindungen sind oft die ersten Hinweise darauf, dass wir gerade gegen unsere eigenen Bedürfnisse handeln. Wer lernt, diese Signale wieder ernst zu nehmen, entwickelt nach und nach ein besseres Gespür für sich selbst. Aus diesem Gespür heraus entstehen Entscheidungen, die sich nicht mehr nur am Wohl anderer orientieren, sondern auch an den eigenen Bedürfnissen.

Gefühle aushalten lernen

Dabei machen viele Menschen eine überraschende Erfahrung. Das unangenehme Gefühl verschwindet nicht sofort, wenn sie beginnen, für sich einzustehen. Wer zum ersten Mal eine Grenze setzt, fühlt sich häufig schuldig. Wer in einer Gruppe seine Meinung äussert, schämt sich vielleicht dafür, sichtbar zu sein. Viele hoffen, dass sie erst dann Nein sagen oder ihre Meinung vertreten können, wenn diese Gefühle verschwunden sind. Meiner Erfahrung nach funktioniert der Prozess jedoch meist genau umgekehrt. Nicht weil Scham und Schuld verschwinden, handeln wir authentischer. Sondern indem wir trotz dieser Gefühle immer wieder authentisch handeln, verlieren sie langsam ihre Macht.

Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung deshalb nicht darin, unangenehme Gefühle zu vermeiden, sondern bewusst zu wählen, welche unangenehmen Gefühle wir tragen möchten. Wer sich ständig anpasst, vermeidet kurzfristig Scham oder Schuld. Langfristig entstehen dafür Frustration, Erschöpfung und innerer Groll. Man ärgert sich über andere Menschen, obwohl man sich selbst immer wieder verlassen hat. Wer hingegen beginnt, Grenzen zu setzen, erlebt zunächst oft Schuld oder Scham. Diese Gefühle sind unangenehm, führen langfristig jedoch häufig zu mehr innerer Ruhe, weil das eigene Verhalten wieder mit den eigenen Bedürfnissen übereinstimmt.

Sich selbst treu bleiben

Ein stabiles Selbstwertgefühl bedeutet deshalb für mich nicht, sich grossartig oder besonders wertvoll zu fühlen. Es bedeutet auch nicht, nie mehr an sich zu zweifeln. Vielmehr entsteht Selbstwert dort, wo wir lernen, uns selbst auch in schwierigen Beziehungssituationen treu zu bleiben. Wo wir den Mut entwickeln, ein Nein auszusprechen, obwohl Schuldgefühle auftauchen. Wo wir unsere Meinung äussern, obwohl wir uns verletzlich fühlen. Wo wir unsere Bedürfnisse ernst nehmen, obwohl wir nicht wissen, wie unser Gegenüber reagieren wird.

Körpertherapie kann diesen Prozess unterstützen, weil sie nicht nur mit Gedanken arbeitet, sondern den Menschen wieder in Kontakt mit seiner eigenen Wahrnehmung bringt. Wer seinen Körper besser spürt, erkennt häufig früher, wann eine Grenze überschritten wird oder wann eine Situation Stress auslöst. Dadurch entsteht überhaupt erst die Möglichkeit, anders zu handeln. Neue Erfahrungen werden nicht nur verstanden, sondern erlebt. Das Nervensystem lernt Schritt für Schritt, dass Authentizität nicht zwangsläufig zu Ablehnung führt und dass Beziehungen bestehen bleiben können, obwohl man nicht immer angepasst ist.

Vielleicht lässt sich ein gesundes Selbstwertgefühl deshalb am einfachsten so beschreiben: Ich nehme mich selbst wahr, ich vertraue meiner Wahrnehmung und ich handle zunehmend danach – auch dann, wenn Scham, Schuld oder Unsicherheit auftauchen. Selbstwert entsteht nicht dadurch, dass wir uns immer wieder sagen, wie wertvoll wir sind. Er wächst dort, wo wir aufhören, uns selbst im Kontakt mit anderen Menschen zu verlassen.

Severin Camenisch Körpertherapie und Shiatsu in Pfäffikon ZH

Über Severin Camenisch

Als Komplementärtherapeut mit Branchenzertifikat OdA KT und Mitglied beim Shiatsuverband verbinde ich westliche Therapieansätze mit fernöstlicher Heilkunst.

Die Integration von Shiatsu mit körpertherapeutischen Ansätzen bietet eine ganzheitliche Herangehensweise zur positiven Beeinflussung der Gesundheit. Durch die Kombination verschiedener Techniken können sowohl körperliche als auch emotionale Probleme behandelt werden.

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